Achtsamkeit in Familien: Was es ist und was es bringt.
By dortepflue

Vielleicht entstehen bei dir, wenn du „Achtsamkeit in Familien“ hörst, folgende oder ähnliche Assoziationen: 

  • Alle Familienmitglieder sitzen mit einem sanft vibrierenden „Om“ auf den Lippen und ehrfürchtig gesenkten Lidern auf ihren eigens dafür angeschafften Meditationskissen und verbinden sich mit ihrem höheren Selbst…
  • Sämtliche Familienkommunikation verläuft in einem sanft-sonoren pseudo-liebevollen Einheitsbrei-Gesäusel: „Also, Torben, ich finde das jetzt irgendwie nicht ok, dass du mein Smartphone ins Klo geschmissen hast. Ich spüre, dass mich das ärgerlich stimmt. Du bist zwar erst zwei, aber: Was macht das jetzt mit dir, deine Mutter so im Ärger zu sehen?“
  • Es wird akribisch und unter Zuhilfenahme eines Lautstärkemessgerätes die Dezibel-Zahl im Familienwohnzimmer auf unterhalb der Wahrnehmungsgrenze gehalten, vulgär patschende Hausschuhe werden durch akustikneutrale Filzgleiter ersetzt und Gespräche werden ausschließlich im Flüsterton geführt, weil Achtsamkeit mit Geräuscharmut korreliert…

Die Vorstellung rangiert irgendwie zwischen apart und völlig schräg, aber ich meine auch etwas ganz, ganz anderes, wenn ich von „Achtsamkeit in Familien“ spreche:

Mindful Family, das ist für mich ein motivierendes Bild einer neuen, modernen, zukunftsweisenden Familienkultur, eine freudvolle Vision stärkender Lebensgemeinschaften unterschiedlichster Couleur, ein Leitstern für ein Umdenken in Bezug auf Erziehung und Bildung in genere. 

Familie im Wandel? Ja und Nein.

Familie hat sich – da erzähle ich dir nichts Neues – in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Das traditionelle Familienbild von Vater Ernährer und Mutter Behüterin mit wohlgeratenen, wenn möglichst gut funktionierenden Sprösslingen kann getrost und muss nun auch endgültig dem Archiv historisch-soziologischer Übergangserscheinungen überantwortet werden. 

  • Viele Ehen zerbrechen, und zurück bleiben Kleinstfamilien.
  • Durch das Eingehen neuer Partnerschaften werden Teile verschiedener Familiensysteme zu einer neuen Patchworkfamilie (wenn dies gelingt).
  • Andere Familien ziehen weit weg vom Lebensmittelpunkt ihrer Eltern oder sonstigen Familienmitglieder und bilden in der Generationenfolge locker verbundene multilokale Beziehungsnetzwerke.
  • Auch WGs, in denen Erwachsene und Kinder leben, können für alle Beteiligten als Familien fühl- und erlebbar sein.

Es ist so, so vielfältig. Und ich glaube, es ist gar nicht so relevant, wie genau die Familiensysteme sich gestalten.

Allem Umbruch und gesellschaftlichem Wandel zum Trotz:

Wo bist du zu Hause (innerlich und äußerlich)? Mit wem verbringst du deine Zeit? Welche Konflikte tun dir besonders weh? Welche Momente sind dir besonders kostbar? Um wessen Entwicklung machst du dir besonders große Sorgen? Wem wünschst du nur das Beste? Wessen Tod betrauerst du?

Familie, egal in welcher Konstellation, ist immer noch

  • der Ort, an dem am meisten, am intensivsten, am freud- und leidvollsten gelernt, geliebt, gerungen, manchmal gekämpft und oft zusammengehalten wird,
  • der Ort, an dem Kinder leise in die Welt hineinschwingen und einem eigenen Familienentwurf entgegenleben,
  • der Ort, an dem Erwachsene an den vielfältigen Herausforderungen, die das Leben an sie als Eltern, Partner und reifendes Kind einer eigenen Herkunftsfamilie stellt, wachsen oder scheitern.

 Was wäre, wenn wir Familien in all ihren Konstellationen, in ihrer ganzen Bandbreite, mit allen denkbaren schillernden Facetten und Entwicklungslinien liebevoll zu stärkenden Feldern erklärten? Was wäre, wenn wir Familie als das anerkennen könnten, was sie ist: die wirkungsmächtigste Ressource im Leben eines Menschen? Was wäre, wenn Familie einfach gut täte? Und zwar ALLEN Beteiligten?

Achtsamkeit in Familien

Achtsamkeit kann einen immensen Beitrag dazu leisten, gute Familien besser machen, sie kann Familien aus dem Hamsterrad holen und vor dem Familien-Burnout bewahren, sie kann neu entstehende Familien zum Erblühen bringen…

Das ist ein Weg. Das fällt nicht vom Himmel. Es geht ums Ganze. Um innere Ruhe und Gelassenheit, um Werte und Haltung, um Bewusstheit und Präsenz, um Willenskraft und Mut, um Bereitschaft zur Entwicklung. Und um Liebe. Dazu braucht es aus meiner Sicht:

  • die Schulung einer familienbezogenen Achtsamkeit, d.h.: die Bereitschaft, den gemeinsamem Alltag als eine einzige große Achtsamkeitsübung anzusehen
  • das Auffinden und Leben der je eigenen Familienwerte,
  • das Auflösen einschränkender Glaubenssätze und Überzeugungen aus vergangenen Familiensystemen, um überhaupt die Grundlage und die Freiheit zu haben, eine eigene authentische und freudvolle Familienkultur zu entwickeln und
  • das Einüben einer herzvollen und empathischen Kommunikation zwischen allen Familienmitgliedern, egal wie alt sie schon oder wie klein sie noch sind.

Mindful Family – Eine vage Kontur

Was ein achtsame Familie ausmacht, willst du wissen? Woran man sie erkennen würde? Hier ein paar kleine Schlaglichter:

  • Achtsame Eltern werden nicht, während sie die Gute-Nacht-Geschichte vorlesen, gleichzeitig gedanklich das Meeting mit dem Chef vorbereiten.
  • Achtsame Eltern werden ihre ungeteilte und von nichts anderem absorbierte Aufmerksamkeit den Belangen ihrer Kinder widmen können, wenn das gerade wichtig ist.
  • In achtsamen Familien gibt es einen verlässlichen Rahmen, innerhalb dessen Dinge verhandelbar sind und Möglichkeitsräume für persönliches Wachstum – nicht nur der Kinder!
  • Achtsame Familien sind lebendig und scheuen keine Konflikte, weil sie geprägt sind von gegenseitigem Respekt und dem Vertrauen, dass die großen Leute ihre Macht nicht missbrauchen werden.
  • Einen Streit in Würde und Achtsamkeit auszutragen, ist für eine achtsame Familie eine Form von Liebe und Wertschätzung.
  • Auch wenn gemeinsame Rituale und Abläufe das Leben strukturieren, können achtsame Familien bewusst und absichtsvoll abweichen von einem Plan oder Ritus, ganz einfach, weil in einer bestimmten Situation deutlich wird, dass dieser gerade nicht hilfreich ist und etwas anderes gebraucht wird.
  • Kinder, die in einem achtsamen Familienklima aufwachsen, werden Vertrauen entwickeln in die Umwelt, in der sie leben, sie werden lernen, sich selbst auszudrücken (weil dafür Raum vorhanden ist) UND die Bedürfnisse der anderen zu achten.
  • Sie werden ihre Eltern als wahrhaftiges Gegenüber schätzen und werden auch in schwierigsten Konflikten Mut fassen, sich zu zeigen mit dem, was sie innerlich bewegt.

Achtsame Familien sind starke Familien. Achtsame Familien sind lebendige Felder, in denen alle Beteiligten erblühen können.

Mind your family! Get involved!

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