// Ästhetische Erfahrungen? Braucht kein Mensch…//
 
Wusstest du, dass Menschen, die im Laufe ihrer Bildungsbiographie zu wenige ästhetische Erfahrungen machen konnten, oft angstbetonte Leben im Radius ihrer Komfortzone führen?
 
Ästhetische Erfahrungen sind sinnliche Erfahrungen, sie geschehen nicht nur im rezeptiven Umgang mit vorhandenen Objekten (seien es Kunstwerke oder andere materielle und immaterielle Anlässe für Erfahrungen), sondern auch im produktiven Umgang, also dort wo etwas ästhetisch gestaltet wird.
 
Wusstest du, dass ästhetische Erfahrungen als Schlüsselerfahrungen fungieren, nicht nur auf der Entdeckungsreise zur eigenen Kreativität, sondern auch für Biographisierungsprozesse, also dem Versuch eines Menschen, seiner Lebensgeschichte einen als sinnvoll erlebten Rahmen zu geben?
 
Wusstest du, dass die Fähigkeit zur offensiven Problembewältigung abnimmt bei sinkender Kreativität? Das heißt, im schlimmsten Fall bist du beim kleinsten Hindernis, vor das das Leben dich stellt, völlig überfordert und stehst wie ein Schaf vorm Zaun, das nicht bemerkt, dass einen Meter weiter das Gatter offen ist.
 
Mal ganz ehrlich: Willst du das?
 
Ich rege mich immer mal wieder in regelmäßigen Abständen auf über die Vorrangstellung der so genannten MINT-Fächer gegenüber den künstlerischen Domänen.
 
Das ist ein ewiges Leitmotiv (oder eher ein Leid-Motiv) meines Lebens.
 
Jaaaaa, ist ja ganz nett, das mit der Musik und der Kunst und der Literatur und so, aber über die wissenschaftlich erforschten Transfereffekte hinaus („Mozart hören macht schau“) braucht das kein Mensch.
Mediennutzung müssen die Kinder lernen. Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik.
Am besten ab Klasse 1.
Nein, obwohl: Eigentlich sollte man die wertvolle Zeit der frühkindlichen Bildung (früher hieß das: Kindergartenzeit) nicht ungenutzt verstreichen lassen.
Die eine oder andere binomische Formel will schon mal gelernt sein, den ein oder anderen mathematischen Beweis kann man ja schon mal führen, das verschafft einen enormen Wettbewerbsvorteil.
Wann? Mit 6?
 
Mein Sohn besucht – allen Vorurteilen meiner näheren und entfernteren Bekanntschaft zum Trotz – eine Waldorfschule.
Die tanzen gar nicht so oft ihren Namen (vielleicht sollte ich mich mal beschweren, schließlich sollten Klischees nicht einfach das bleiben dürfen, was sie sind).
Bäume umarmen sie gar nicht. Und sie knien auch nicht vor irgendwelchen Rudolf-Steiner-Konterfeis nieder.
Dafür erfährt er dort eine umfassende künstlerisch-ästhetische Bildung und ist ständig damit beschäftig, sein kreatives Potenzial zu erforschen.
 
Und weißt du was?
Vielleicht verschafft ihm DAS mal einen enormen Vorteil. Keinen Wettbewerbsvorteil.
Aber einen Vorteil, wenn es um die Frage nach einem gut gelebten Leben geht. (Dazu gibt es übrigens valide Langzeitstudien. Waldorfschüler haben in vielen Lebensbereichen die Nase vorn. Just sayin‘…)
 
In meiner Welt hat ästhetische Bildung einen Wert. Puntk. Einfach so. Ohne Transfereffekte im Sinne von: Mach Musik, dann entwickeln sich bestimmte Areale im Gehirn.
Oder: Du solltest viel lesen, das schult deine Sprachkompetenz, erweitert deinen Wortschatz und – wie sollte es anders sein – wirkt sich auch positiv auf dein Gehirn aus.
Das ist alles richtig, aber aus meiner Sicht wird der Wert ästhetischer Bildung durch diese gut erforschten Transfereffekte nur GESTEIGERT, es ist nicht der Wert an sich.
 
Ästhetische Bildungsprozesse, die mit vielfältigen ästhetischen Erfahrungen verknüpft sind, führen zu einer Steigerung der Resonanzfähigkeit, der Kreativität und der Empathie.
Und ohne kreative Kompetenzen könnte es ganz schön ungemütlich werden im Leben, ob du glaubst oder nicht…
 
Kümmere dich um deine Kreativität, gibt deiner Seele Nahrung, bade dich in ästhetischem Erleben, nähre deine Schöpferkraft.
 
Und wenn dir das anfangs redundant vorkommt und du denkst, du tust ineffizientes Zeug, dann stell dir einfach vor, wie deine Synapsen in deinem Gehirn lustige Dinge tun und meditiere über das Mantra „Wettbewerbsvorteil“.
 
Alternativ könntest du einfach anfangen zu schreiben…

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