Dein Baby schreit? Drei erste Schritte zu mehr Ruhe

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Dein Baby schreit. Und es fühlt sich so an, als würde es das ständig tun. Und niemand sagt dir, was du genau tun musst, damit es endlich aufhört. Du liest, du suchst, du probierst wirklich alles aus, um dein Baby glücklich zu machen. Nur wenige Dinge funktionieren, und wenn etwas klappt, dann nur kurz. Es ist extrem anstrengend.
Du fragst dich, ob dein Baby die einzige Ausnahme ist? Bist du irgendwie im falschen Film gelandet? Machst du irgendetwas falsch?

Nein, machst du nicht und du bist auch gar nicht allein damit, auch wenn es dir so vorkommt. Es gibt viele Babys, die besonders in den ersten Monaten aus den verschiedensten Gründen häufig schreien.
Was brauchst du, um deine Situation zu ändern?

Das ist natürlich sehr individuell. Dein Baby ist einzigartig und deine Situation auch. Eigentlich kann man da gar nichts verallgemeinern. Aber es gibt so ein paar grundlegende Dinge, die dir vielleicht helfen könnten, wenn dein Baby zu viel schreit.

Probiere es doch einmal mit diesen drei ersten Schritten:

Schritt 1: Ganz praktisch erst mal abklären
Ich nehme mal an, das hast du schon gemacht, aber falls noch nicht, ist der erste Schritt auf jeden Fall deinen Kinderarzt zu fragen, warum dein Baby schreit. Gibt es körperliche Ursachen für das Schreien? Da sind die Gründe wirklich sehr vielfältig und leider dauert es bei einigen auch längere Zeit, bis man auf die Ursachen kommt.

Falls du offen für alternative Methoden bist, kannst du auch einen Osteopathen fragen. Der hat gerade bei kleinen Babys oft noch einmal ganz andere Ideen. Er sucht nach Stauchungen oder Zerrungen, die manchmal bei der Geburt oder danach entstehen. Das kann dein Baby schwer nerven. Also ist es einen Versuch wert.

Und natürlich musst du auch im Alltag Detektiv spielen und versuchen herauszufinden, ob dein Baby Hunger hat oder müde ist oder friert – und ja, das kann ein echtes Detektivspiel sein. Wie eine Baby-Mutter mir einmal mit viel Humor und Ruhe sagte: „Tja, ich weiß nicht, was ihm gerade fehlt – und ich schätze, bis er es mir sagen kann, hat er es vergessen. Also halten wir beide es jetzt aus.“

Manchmal kommt man einfach nicht darauf: In der Babygruppe, die ich geleitet habe, hatten wir einmal ein ansonsten sehr ruhiges Baby, das einfach nicht aufhörte zu schreien – und schließlich stellten wir fest, dass ein paar blonde lange Haare der Mama sich so fest um seinen Zeh und den Knopf seines Jäckchens gewickelt hatten, dass der Zeh eingeschnürt wurde und das Baby den Fuß nicht mehr strecken konnte. Bitte, wer soll denn auf so etwas kommen? Das war echte Detektivarbeit, und dieser Fall konnte nur mit 10 Mamas gleichzeitig gelöst werden.

Also, suche nach den Gründen – und wenn du den Grund nicht findest, dann geht es dir so wie absolut allen Mamas: Niemand findet ihn immer. Tief durchatmen. Geht auf jeden Fall vorbei.

Schritt 2: Die Perspektive deines Babys einnehmen
Auch wenn du wie wild nach Handlungsanweisungen suchst, was du tun kannst: Alle Maßnahmen, von denen du liest oder hörst, helfen leider nur begrenzt.

Denn es geht hier um einen echten Menschen, zwar sehr klein, aber trotzdem mit allem Drum und Dran.
Und Menschen wollen vor allem als Mensch wahrgenommen und behandelt werden.

Was hat Babygeschrei mit Abwaschen zu tun?

Stell dir mal bitte kurz Folgendes vor: Dein Partner möchte, dass du öfter den Abwasch machst. Jetzt kauft er sich mehrere Bücher, liest sie und schaut dich dabei öfter von der Seite grübelnd an. Er überlegt, welche Methode man bei dir wohl am besten anwenden könnte. Dann hat er die Methode „Gespräch“ ausgewählt und sagt zu dir mit dem aufgeklappten Buch auf dem Tisch: „Jetzt führen wir einmal ein ganz entspanntes Gespräch über das Abwaschen. Ich setze mich hierhin und du sitzt, nein, nicht dort, du musst mir gegenüber sitzen, damit wir uns voll anschauen können. Noch etwas weiter nach rechts – ja, genau so. Ja, also, jetzt möchte ich dir zuerst sagen, dass ich deine Seite total verstehen kann. Es liegt wohl auch an deiner Kindheit, vielleicht hattest du nie Warmwasser zum Abwaschen, das sitzt bestimmt tief. Aber ich möchte, dass du meine… äh, wie war das … ach ja, meine Werte auch respektierst…“

Noch einige Sätze weiter und du würdest das Buch vielleicht gerne gegen die Wand werfen. Du willst nicht nach einer Methode behandelt werden. Du willst etwas Echtes.

Das geht deinem Baby genauso und es hat sehr feine Antennen dafür, viel feinere als du, da es nur auf Atmosphären, Gefühle, Stimmungen und sinnliche Wahrnehmungen achtet. Der Kopf spielt für dein Baby noch keine Rolle und es wird auch nicht durch Äußerlichkeiten vom Wesentlichen abgelenkt.

Darum hilft das Handeln immer nur begrenzt.
Es geht dem Baby eigentlich um dein sogenanntes „Sein“.

Das ist übrigens ein großes Geschenk, du hast da jetzt den einen Menschen auf der Welt, der sich gar nicht für dein Äußeres und deinen Status interessiert, sondern nur für dich selbst.

Dein Baby interessiert nicht dein Handeln, sondern dein Sein

Weißt du, eigentlich ist unser modernes Leben nicht für Babys gemacht. Ich gehe sogar noch weiter: Eigentlich ist es auch für dich nicht gemacht. Hast du das manchmal auch, dass du nach einer Shoppingtour durch Kaufhäuser mit vielen Menschen und schlechter Luft und danach noch im Feierabendverkehr total erschöpft nach Hause kommst? Sind dir die täglichen Nachrichten auf verschiedenen Kanälen manchmal zu viel? Hattest du schon einmal das Gefühl, einfach zu viel auf dem Zettel zu haben und nur von Termin zu Termin rennen zu müssen? Wahrscheinlich kennst du solche Gefühle, denn die Themen zu viel Stress, zu wenig Zeit, Informationsflut und Überreizung sind gesellschaftliche Themen geworden. Du hast dich eben nur daran gewöhnt.

Und du hast deinem Baby gegenüber einen großen Vorteil: Du kannst Reize filtern. Bis zu einem gewissen Grad kannst du Dinge ausblenden. Wenn du beispielsweise auf einer Party einem Menschen besonders gut zuhören möchtest, dann kannst du dich auf ihn fokussieren und die anderen Gespräche größtenteils ausblenden.

Diese Fähigkeit zum selektiven Hören nennt man übrigens „Cocktailparty-Effekt“. Das kann nur das menschliche Gehör. Vielleicht hast du schon einmal festgestellt, dass deine Filmkamera die Umgebungsgeräusche nicht genauso wie du filtern kann, sondern alles gleichwertig aufnimmt. Du merkst gar nicht mehr, wie viele Dinge du fast automatisch wegschaltest im Alltag. Das Gehirn baut im Laufe der Zeit die Dinge sozusagen ein, ohne dass du sie bewusst wahrnimmst. Sonst wäre das Leben viel zu anstrengend und du wärst ständig überreizt.

Dein Baby im Supermarkt
Aus diesem Grund ist Reizüberflutung ein wirklich großes Thema für dein Baby. Dein Baby muss das selektive Hören und andere Wahrnehmungsfilter erst noch erlernen. Einige Babys sind sensibler als andere und schlafen nicht einfach ein, wenn es zu viel wird. Sie interessieren sich für alles, bleiben zu lange wach und sind dann nachmittags und abends oft völlig überdreht und nicht mehr zu beruhigen.

Das Beruhigen muss für sie bereits morgens beginnen. Sie brauchen oft einen Rhythmus, der nicht zu unserem bisherigen Leben passt. Vormittags Babygruppe, dann ins Café mit einer Freundin, dann Apotheke und noch schnell in den Supermarkt, das ist einfach zu viel Programm für sie.

Geh‘ einfach mal durch einen Supermarkt und versuche wahrzunehmen, was du alles hörst, siehst, riechst und fühlst, wenn du alles gleichzeitig wahrnimmst und Dinge nicht ausblenden kannst. Dann hast du da grelle Farben, Musik, Durchsagen, Gerüche, wechselnde Neonlichter und plötzliche Geräusche und Berührungen. Das Gehirn deines Babys kann diese Reize noch nicht filtern, es weiß nicht, was wichtig ist und was man besser „wegschaltet“ und darum geht alles ungefiltert in sein Köpfchen rein. Das Filtern musst zum Teil du übernehmen.
Kannst du dein Leben für einige Monate umstellen? Es ist nicht für ewig, versprochen! Es ist nur eine Phase, in deinem Erwachsenenleben – nur eine kurze. Irgendwann kannst du wieder genussvoll im Café sitzen, bloß jetzt nicht. Hilf deinem Baby, langsam in dieser Welt anzukommen.

Schritt 3: Wende die drei magischen Ws für Babys an
Die drei magischen Ws für viele Babys sind: Weniger. Wahrnehmen. Warten.
Wenn dein Baby zu viel schreit, dann nimm dir jetzt radikal Zeit. Lass‘ Termine weg. Werde entspannter mit dem Haushalt. Häng auf allen Ebenen den Perfektionismus für eine Zeitlang an den Nagel. Nein, sperre ihn in deinen Schrank, und lies bloß nicht zu viele Ratgeber.

Versuch‘ auf das Level deines Babys runter zu gehen.
Schau ihm genau zu.
Beobachte es längere Zeit.
Kannst du sehen, wie langsam alles geht, wenn dein Baby entspannt ist?
Wie es den Kopf oder die Augen dreht, einen Reiz aufnimmt? Ganz langsam.

Schau zu, wie es Kopf oder Augen bald wieder wegdreht, weil es den Reiz in Ruhe verdauen muss.
Störe es dabei nicht. Sei da und schaue. Genieße die wache und ruhige Zeit.

Nimm dein Baby einfach nur wahr und lerne seine Reaktionen kennen.
Lass‘ es entscheiden, wann und wie viel Kontakt es will und wann es eine Pause braucht. Wenn es Augen oder Kopf wegdreht, dann geh nicht mit, sondern warte, bis es sich dir von selbst wieder zuwendet.

Gehe in den Zeitlupen-Modus.

Wenn es für dich so richtig langweilig ist, dann ist es für dein Baby genau richtig.

Versuch‘ das als Geschenk zu sehen.

Wolltest du nicht schon mal mehr Ruhe in deinem Leben?
Jetzt gibt es einen richtig guten Grund dafür. Dein Baby braucht es.

Und wie war das mit dem „Sein“?
Vielleicht hast du schon irgendwo gehört, dass du dich entspannen sollst, wenn das Baby schreit. Gute Idee, aber ich persönlich kenne niemanden, der das schafft.

Nicht umsonst ist Babygeschrei ein Alarmsignal für seine Bezugspersonen, denn das ist biologisch sehr wichtig. Wenn du es nicht schaffst, dich dabei zu entspannen, dann ist das vor allem – normal. Soll so sein.
Interpretiere das Schreien vielleicht mal anders, so als würde dein Baby sagen: „Mir fehlt etwas! Du fehlst mir! Nein, nicht dein Tun, dein Sein! Bitte versuche doch mal, etwas mehr bei dir selbst anzukommen!“

Unser zentrales Thema „Mindfulness“ ist gerade im Babyalter sehr wichtig. Hast du schon Methoden, um dich wirklich tief zu entspannen? Nein, nicht wenn dein Baby schreit, sondern davor oder danach. Regelmäßig. Was hast du – bevor dein Baby da war – dazu genutzt? Falls du noch keine Methode hast oder sie jetzt nicht mehr anwenden kannst: Hier ist unser kostenloses Toolkit.

Hol dir das Toollkit!

Es bietet dir unter anderem eine kleine, kurze Meditationsübung an. Wie gesagt, wenn das Baby schreit, vielleicht schon über längere Zeit, dann kann man das nicht anwenden, dann ist das Baby sozusagen „schon in den Brunnen gefallen“. Mach‘ diese kurze Übung in ruhigeren Zeiten. Die Wirkung zeigt sich erst nach einiger Zeit.

Und – auch sehr wichtig – das Toolkit enthält eine kleine Übung zum Thema Selbstliebe. Erst neulich hat eine Mama mit Tränen in den Augen erzählt, dass ihr Baby aufhörte zu schreien, nachdem sie eine Übung in Selbstliebe gemacht hatte. Das ist kein Versprechen! Aber eine Möglichkeit.

Bitte sei lieb zu dir. Wenn das dein erstes Baby ist, dann hat sich dein Leben in den letzten Monaten radikal verändert. Sei genauso freundlich und sanft zu dir wie zu deinem Baby, auch du brauchst Zeit und Liebe, um all die Änderungen zu verarbeiten.

Wenn du bei dir ankommst, kann auch dein Baby bei dir ankommen.

Und dann könnt Ihr vielleicht in Frieden zusammen weitergehen.

Probiere es doch einmal, und teile mir gerne mit, ob du noch mehr zum Thema Babys wissen möchtest.

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"Familie ist im besten Fall der liebevolle Ort, an dem Kinder leise in die Welt hineinschwingen und frei einem eigenen Lebensentwurf entgegenleben können."

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