Fremdsprache Pubertierisch: 4 Tipps für eine entspanntere Kommunikation

dortepflue

Mein Sohn lernt in der Schule Englisch und Französisch mit mehr oder weniger ausgeprägtem Interesse. Aber er beherrscht mit eindrucksvoller Perfektion eine neue Fremdsprache: pubertierisch.

Erst war es nur so, als hätte ich eine geheime Dialektgrenze überschritten, wenn ich sein Zimmer betrat, mittlerweile fühle ich mich manchmal wie damals beim Schüleraustausch: Die Sprache kenn ich doch irgendwie, aber was REDEN die da?

Diese Wortfetzen, Bestandteil prä-pubertärer Befindlichkeitsäußerungen, lassen eine gewisse, zumindest rudimentäre Verwandtschaft mit der Sprachfamilie der indogermanischen Sprachen zwar vermuten, rufen aber auch eine latente Besorgnis auf den Plan, dass die Sprachkompetenz des Nachwuchses so weit degenerieren könnte, dass nur noch über Grunz- und Schmatzlaute kommuniziert wird.

Es ist ein Faszinosum:

Ist das wirklich dasselbe menschliche Wesen, das als Baby mit gesteigertem Vergnügungsbrabbeln auf das (groß-) mütterliche Rezitieren eines überschaubaren Repertoires an Fingerspielen reagiert hat?

Im Kleinkindalter war er der Urheber interessanter Sprachkompositionen wie „Marlon Eisbeise“ (heißt: Marlon möchte bitte die Eisenbahn haben, wenn es keine Umstände macht) oder „Waunziehn, Waunziehn“ (heißt: Oh, das ist ein herrliches Gerät namens Schraubenzieher).

Ich weiß noch, wie er im Kindergartenalter Aufschluck hatte, Langstrumpfe nie anziehen wollte und Kalotten aus dem Schülkrank mochte.

Und wie er einmal zu mir sagte:

Mama, das ist doch jetzt Balsamico auf deine Seele!

Marlon, damals 11 Jahre

Dieses Wesen also äußert sich jetzt in einer kryptischen Fremdsprache aus LOLs, ROFLs, WTFs, klang-gewordenen Comic-Sprechblasen-Inhalten und einer erstaunlichen Bandbreite an willkürlich in der Peergroup erfundenen Elementen einer Geheimsprache, die es vorrangig darauf anzulegen scheint, genau das: geheim zu sein. Wenn es dann einmal episch wird (also Äußerungslänge > vier Sätze), dann beeindruckt mich die konsequente Einhaltung eines für diese Fremdsprache typischen Stilmittels: die kompromisslose Prädikatlosigkeit.

Für mich als studierte Germanistin und Liebhaberin der schönen Künste im Allgemeinen und der Sprache im Besonderen eröffnet sich hier ein GROSSES, ein schier unendliches Lernfeld in puncto Toleranz…

Weil ich im Studium aufgepasst habe, weiß ich, dass Sprache einem steten Wandel unterliegt und dass wir als „Sprecher“ kraft unserer Sprechakte diesen Sprachwandel hervorbringen. Ich fand diese ganzen Sprachwandeltheorien immer höchst spannend. Und ich muss auch sagen, dass….

Moment mal.

Oh, mein Gott, pardon: OMG, heißt das, in ein paar Jahren reden ALLE so???!!! Kreisch! Hysterisch lach! In Verzweflung ausbrech!

Halt, stopp, kein Anlass zu kulturpessimistischen Identitätskrisen in Dauerschleife oder weltflüchtigen „Früher-war-alles-besser“ Retro-Idealisierungen.

Zum Einen: Sprachwandel vollzieht sich in einem langsamen, unaufgeregten Strom endlos sich ziehender Zeit (für so eine läppische Lautverschiebung von „mîn Hûs“ zu „mein Haus“ braucht so ein Sprachwandel mal eben schlappe 500 Jahre).

Zum Anderen: Weil ich im Studium aufgepasst habe, weiß ich auch, dass der Spracherwerb bei Kindern und Jugendlichen verschiedene Phasen durchläuft und dass die Pubertät ja nun keinesfalls den Endpunkt von Sprach- und sonstigen Entwicklungen darstellt. Das hoffen Heerscharen von Eltern inbrünstig, wenn sie mit ihrem Nachwuchs in dieser Phase stecken und statistisch gesehen stehen die Chancen ganz gut…

Uff, es besteht keine unmittelbare Gefahr, dass LOL-ROFL-Sprech künftig zur Amtssprache in einem neu sich formierenden Europa erhoben wird.

Im Grunde bin ich also entspannt und ein Stück weit auch belustigt und kann gut damit leben, dass mein Sohn oder meine Neffen oder die Kinder meiner Freunde hin und wieder als Dolmetscher fungieren müssen, weil ich mich in ihrer Sprachwelt lustvoll und betont NICHT zurechtfinde. Und das ist für diese jungen Botschafter, die aus fernen Welten künden, ein Genuss und eine besondere Freude.

Ich habe hier ein paar kleine Orientierungshilfen für dich zum Navigieren durch eine interessante Zeit zwischen Sprachlosigkeit und Un-Sprache.

1. Lass deinem Kind seine Sprachwelt.

Die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen ist eine aufregende Zeit. Für alle Beteiligten. Für den Heranwachsenden geht sie einher mit einer Phase leidenschaftlicher Dagegen-Philosophie:

  • Dagegen, weil nicht dafür.
  • Anders, damit nicht gleich.
  • Weg von, um bloß nicht zu bleiben, wo auch immer.

Willkommen im Generationenkonflikt.

Es ist elementar wichtig, sich von den Eltern und einer ganzen Generation abzugrenzen, um sich selbst zu spüren und das Eigene aufzufinden, das so diffus und im Entstehen noch zerbrechlich heraufdämmert. Oft zeigt sich das schon auf den Gesichtern der 12-Jährigen und man bekommt eine Ahnung davon, aus welchen Augen dich der Erwachsene anschauen wird.

Sprache als ein wichtiges Element von Identitätsbildung bleibt von diesen Dynamiken nicht verschont. Da wird alles Mögliche ausprobiert, die Älteren, die man für cool befunden hat, werden genauesten sprachwissenschaftlichen Forschungen unterzogen, um deren Sound möglichst gut kopieren zu können. Und natürlich ist Sprache auch ein Mittel für Provokation.

Du tust deinem Kind keinen Gefallen, wenn du es ständig verbesserst und kritisierst, an ihm herummäkelst und durch jede Pore deiner Existenz deutlich ausströmst, wie wenig einverstanden du bist.

Wenn du kannst: Entspann dich.

Übe dich in Toleranz.

Verkneife dir genervtes Augenrollen, wenn dein Kind auf Dinge, die für dich ach, so wichtig sind, betont genervt, frech, widerborstig, ironisch, zynisch oder sarkastisch antwortet.

Vergiss grammatikalische Regeln und kündige der Deutschlehrerin in dir, die innerlich immer mal zusammenzuckt. Und sei unbesorgt: Dein Kind hat nicht plötzlich vergessen, wie man einen standardmäßigen Hauptsatz bildet, aber es ist gerade nicht so wichtig. Es geht darum, Regeln zu durchbrechen. Auf allen Ebenen.

Lass die zum Teil haarsträubenden Anmerkungen, emotionalen Kurzausbrüche, Schimpftiraden und kreativen Wort-Neuschöpfungen einfach vorbeiziehen wie Wattewolken am Sommerhimmel. Betrachte sie wie akustische Phänomene, die zwar da sind und von dir gehört werden, mit denen du aber nichts machen musst.

Viele Eltern springen auf ALLES an wie ein Rauhhaardackel mit Wachhund-Profilneurose. Einfach lassen. Choose your battles wisely!

Dorte

Wenn es dir gelingt, deine Bewertungen rauszunehmen, einfach nur wahrzunehmen, was da gerade los ist und im besten Fall sogar Mitgefühl zu kultivieren für dieses Wesen „under construction“, dann wird es sofort leicht. Nicht in deinem Kind, glaub mir das. Das verrichtet gerade Schwerstarbeit in dieser körperlichen und geistigen Umbauphase. Aber in dir.

2. Verlasse nicht ungefragt deine Welt.

Akzeptiere so gut du kannst, dass ihr vorübergehend in unterschiedlichen Sprachwelten lebt und versuche nicht, daran etwas zu ändern. Wie schon gesagt: Es ist wenig hilfreich, dein Kind ständig zu ermahnen, sich anders auszudrücken oder bestimmte Dinge NICHT zu sagen oder bitte ANDERS. Du funkst damit ständig die Botschaft: Du bist nicht ok, so wie du bist. Denn Sprache ist ein machtvolles Instrument der Identitätsbildung und ist tief verwoben mit sämtlichen Dimensionen individueller Ausdrucksfähigkeit. Es ist in dieser Phase ähnlich verletzend, als wenn du einem Dreijährigen, der dir ein Bild malt, vorwirfst, dass die räumliche Perspektive nicht gelungen ist.

Richtig schräg wird es aber, wenn Eltern (oder Lehrer) versuchen, den Sprachstil der Jugendlichen zu adaptieren, um irgendwie up-to-date zu wirken oder hip zu sein. Oder einfach aus dem Wunsch heraus, das Kind möge sich verstanden fühlen. Bitte NICHT machen! Heranwachsende reagieren (zurecht, wie ich persönlich finde) allergisch darauf, wenn man sich invasiv in ihre Welt einmischt oder den Versuch unternimmt, sich dort gemeinsam einzurichten. Und das gilt jetzt nicht nur für Sprache. Sie kommen dann in Bedrängnis und reagieren in der Regel mit Distanz.

Oft sehen sie sich dann auch gezwungen, stärkere Geschütze der Abgrenzung aufzufahren. Die Kids brauchen diese Kontrapostierung verschiedener Welten. Und ja, dieses Fremdheitsgefühl in der Welt, das kann für die Kinder wahnsinnig schmerzlich sein. Und ja, es kann uns als Eltern immens weh tun, unsere Kinder in diesem Seinszustand zu erleben. Und trotzdem brauchen Heranwachsende diese Erfahrungen, um das Eigene zu finden.

Es gibt Kinder, die sich nie abgrenzen durften, weil das mit Liebesentzug einherging oder weil Eltern aus einer falsch verstandenen Unterstützungsbereitschaft heraus Grenzen immer wieder absichtsvoll nivellierten. Oder weil sie gespürt haben, dass ihre Eltern das nicht aushalten konnten.

Oft haben diese Kinder es im weiteren Verlauf ihres Lebens immens schwer zu spüren, was ihre eigenen Bedürfnisse sind. Keine gute Voraussetzung für gelingende Beziehung, beruflichem Erfolg, einen freudvollen Lebensentwurf.

Spüren zu lernen, wer man ist, geht in der Pubertät stark damit einher, zu spüren, wer man NICHT ist. Und dafür können wir Eltern liebevolle Spiegel, Projektionsflächen, Übungsobjekte sein.

3. Sei klar, was deine Grenzen angeht.

Toleranz und Verständnis haben aus meiner Sicht da ihre Grenzen, wo gegen Werte verstoßen wird, die dir wichtig sind. Die Kids können fluchen, grunzen, smsen, schimpfen und Sprache verunstalten so viel sie wollen, aber bei mir hört es z.B. auf bei rassistischen, menschenverachtenden, chauvinistischen, sexistischen oder rechtspopulistischen Äußerungen. Hier reagiere ich. Freundlich zwar und einladend zum Diskurs, aber klar. Das setzt meinem Sohn (und interessanter Weise auch seinen Freunden, die mich als „Schwer-in-Ordnung-Mudder“ klassifiziert haben), einen klaren Bezugsrahmen, der auch hilft, das eigene Wertesystem auszuloten. Oft hauen Kids mal so richtig was raus, um deine Reaktion zu sehen, weil sie spüren, dass sie nicht genau wissen, was das ist, was sie da aufgeschnappt haben.

Was die Kids in ihren Peergroups reden, darauf hast du keinen Einfluss, aber dein Kind darf wissen, dass in seinem Zuhause bestimmte Werte gelten, die nicht verletzt werden. Ich plädiere hier nicht für Maßregelungen im Sinne von „solange du die Füße unter meinen Tisch streckst“, was ich meine, ist eine ganz klare Rückmeldung an dein Kind, dass es gegen bestimmte Werte verstößt, wenn das vorkommt und dass du das nicht willst. Es können sich tiefe und ergiebige Gespräche aus solchen Situationen entspinnen, wenn du wach bist und atmosphärisch „Einladung zum Austausch“ statt „meckernde Kritikerin“ hinbekommst.

Ein Beispiel (so geschehen, wenn auch nicht bei uns):

Dein Kind kommt nach Hause, will irgendwas, du bist nicht einverstanden, hast aus deiner Sicht gute Gründe, Sprössling ist genervt, frustriert und raunzt: „Boah, Mama, ey! Du bist kompromisslos wie Hitler!“

Ok. Krass.

crassus (lat.): grob, dick / jugendsprachlich: cool, genial, der Wahnsinn

"Krass ist wie cool, nur krasser!"

Jetzt hast du die Wahl.

  • Entweder: Du kannst dem Spontanimpuls nachgeben, dich aufzuregen, gekränkt zu reagieren, zu meckern, was dein Kind sich denn einbildet. „So redest du nicht mit mir! Mich mit Hitler zu vergleichen! Jetzt gehst du auf dein Zimmer! Ich will nichts mehr hören.“
  • Oder: Du nimmst ein paar tiefe Atemzüge und übst dich in Impulskontrolle. Und dann gehst du innerlich in eine fragende und forschende Haltung. Das ist doch spannend. Was führt mein Kind dazu, diesen Vergleich zu wählen? Was weiß es eigentlich über Hitler und das 3. Reich? Was verbindet es damit? Was an meiner Haltung vergleicht er mit was? Was ist seine Botschaft an mich eigentlich GENAU?

Es kann sein, dass du entdeckst, dass dein Kind noch nicht viel mehr Historisches weiß als das, was irgendwelche Klamauk-Sendungen vermitteln, in denen Hitler parodiert wird. Es kann sein, dass dein Kind, wenn du nachfragst, differenzierter erklären kann, was es mit diesem Vergleich zum Ausdruck bringen wollte. Es kann sein, dass es da auch eine Botschaft an dich gibt, und dann darfst du schauen, ob du sie nehmen kannst. Und vielleicht gab es am Ende dann für alle Beteiligten etwas zu lernen.

Ich weiß, ich weiß, das ist nicht einfach und meistens sind die Situationen plötzlich da und hinterher ist man immer schlauer und dann fallen einem die Dinge ein, die man hätte sagen können. Das stimmt. Es ist aber auch ein bisschen eine Übungssache. Und dazu möchte ich dich ermutigen: zu üben.

Noch ein kleiner Hinweis: Wenn dein Kind auf dein Gesprächsangebot nicht eingeht, einfach loslassen. Die Tür zum Trotz geht immer von innen auf. Ich habe schon oft erlebt, dass Kinder von sich aus später noch einmal auf einen zukommen, wenn es einem in der aufgeladenen Situation gelungen war, es nicht einzufordern. Das ist immer wieder eine Herausforderung: meinem Kind die Freiheit zu geben, Gesprächssituationen zu beenden oder nicht weiterzuführen und zu repektieren, dass es nicht immer offen und aufnahmebereit für meine tollen pädagogischen Interventionen ist. Wenn das immer mal gelingt, dann erfährt das Kind eine wichtige und für die Entwicklung eines gesunden Selbstwerts zentrale Komponente: Selbstwirksamkeit. Mein Leben ist mein Hoheitsgebiet. Ich darf wählen, was mir gut tut.

4. SEI OFFEN FÜR AUSTAUSCH UND „ÜBERSETZUNGSLEISTUNGEN“

Mein Sohn und seine Freunde geben oft stolz und bereitwillig Auskunft, wenn beim Essen oder im Auto irgendeine Äußerung auf „Pubertierisch“ fällt und ich – ehrlich interessiert – nachfrage, ob sie mich mal aufklären können. Manchmal öffnet sich dann eine sonst verschlossene Tür in die Welt dieser Eroberer und Forscher und ich erfahre etwas über angesagte YouTuber, die Songs, die gerade „anders geil“ sind, wen man gestern „komplett random“ getroffen hat und wer der krasseste Lehrer ist, „ischwör“.

Interessanterweise ist das auch keine Einbahnstraße: Ich verwende oft eine eher elaborierte Sprache und je nachdem, in welchen Kontexten ich unterwegs bin, auch Fach- und Fremdwörter.

Manchmal, wenn mein Sohn bei einer Unterhaltung dabei war oder mich telefonieren hörte, kommt er später an und probiert die eine Formulierung oder das andere Fremdwort, das er aufgeschnappt hat, selber aus. Ein bisschen wie Probelaufen in der Erwachsenenwelt. Mamas Sprache anprobieren. Passt? Passt nicht? Vielleicht später?

Manchmal fragt er auch ganz direkt nach. Das sind Augenblicke, in denen aufblitzt, worum es schlussendlich geht: um die Frage, wie Erwachsensein geht. Noch muss man sich verstärkt abgrenzen und betont NICHT wie die Eltern sein, aber da wird trotzdem immer schon mal um die Ecke gelugt, um sich auf den Ernstfall vorzubereiten.

Ich wünsche dir viel Humor, Gelassenheit und Interesse in dieser insgesamt herausfordernden Zeit. Wenn du innerlich den Raum dafür hast und die Dinge nicht allzu bier-ernst oder persönlich nimmst, dann wird der Blick frei auf eine kostbare gemeinsame Zeit des Reifens. Ein Geschenk, seine Kinder durch diese aufregende Zeit begleiten zu dürfen.

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"Familie ist im besten Fall der liebevolle Ort, an dem Kinder leise in die Welt hineinschwingen und frei einem eigenen Lebensentwurf entgegenleben können."

Dorte Plfüger