Alle reden davon, „Schöpfer ihres eigenen Lebens“ sein zu wollen. Aus jeder Ecke des Internets springen einen täglich die Angebote, Coachings, Programme, Mentorings an: WERDE SCHÖPFER DEINES EIGENEN LEBENS.

Das Paradoxe daran ist nur:

Schöpfertum erwächst nicht aus Konsum, sondern aus Kreativität.

Viele der Suchenden konsumieren und konsumieren Inhalte, vermeintliche Inspirationen, Texte, Audios u.v.m., ohne zu wissen, dass das in des Wortes wahrster Bedeutung kontra-produktiv ist. Denn:

  • Konsum (von lat. consumere = verbrauchen) ist eine Bewegung von außen nach innen.
  • Kreativität (von lat. creare = etwas neu schöpfen, herstellen) ist eine Bewegung von innen nach außen

Wenn du unausgesetzt konsumierst, dann ist der Kreativitätskanal irgendwann „verstopft“.

„Jaaaa, ich brauche doch aber Inspiration“, erwidert jetzt so mancher.

Lass uns auch das kurz klären: Es besteht ein eklatanter Unterschied zwischen Konsum und Inspiration.

  • Konsumieren bedeutet, etwas aufzunehmen oder zu bekommen, um es zu verbrauchen, zu benutzen.
  • Eine Inspiration (von lat. inspiratio = Einhauchen, Beseelung) ist der Ausgangspunkt für einen schöpferischen Prozess. Es ist ein Einatmen der Welt, das die Kreativität befeuert und Neues entstehen lässt.

Wenn du also „Schöpfer deines Lebens“ sein möchtest, dann geht es um deine KREATIVITÄT und inwieweit du sie pflegst, ihr Nahrung gibst, mit ihr in Kontakt bist.

Wie ist es um dein schöpferisches Selbst bestellt? Das, was ich den „inneren Poeten“ nenne?

Viele von uns merken gar nicht mehr, wie sie sich und ihre Kreativität mit ständigem Konsum betäuben und suchen in der Folge oft immer mehr Anregungen im Außen, um das Vakuum zu füllen.

Dass ein Übermaß an Konsum, welcher Art auch immer, kreative Tätigkeiten konterkarieren, dass hat jeder von uns schon einmal am eigenen Leib erfahren.

  • Hast du schon einmal versucht, nach einem 3-Gänge-Weihnachtsmenü zu tanzen, zu schreiben, zu denken, IRGENDWAS zu tun?
  • Versuche mal, das Gefühl zu beschreiben, wenn du einen ganzen Tag vor dem Computer oder mit Netflix & Co. verbracht hast.

Es ist kein Zufall, dass große Künstler, Dichter und Denker ihre individuellen Routinen hatten und haben, um den Kreativitätskanal zu schützen, damit er nicht vollgemüllt wird mit irgendwelchem kreativitätsfeindlichen Zeug.

  • Glaubst du, ein Thomas Mann hätte seinen großen Buddenbrook-Roman parallel zu ständigem Serien-Suchten zu Papier gebracht?
  • Glaubst du, ein Beethoven hätte seine Klaviersonaten komponiert, wenn er ständig AirPods im und irgendwelche Podcasts aufm Ohr gehabt hätte? (Seine große 9. Symphonie schrieb er, als er vollständig ertaubt war. Ein Beispiel dafür, dass das Schöpferische ein zutiefst INNERLICHES Geschehen ist.)
  • Glaubst du eine Improvisationstänzerin dreht sich vor ihrem Auftritt drei Pizzen mit doppelt Käse rein?

Ich denke, du kriegst den Punkt. 

Dasselbe gilt für jeden, der von einem schöpferischen Leben spricht: Wenn wir unreflektiert konsumieren, bringen wir unser Wertvollstes in Gefahr: unsere Kreativität.

Ich bin keine Ächterin der neuen Medien, postuliere keine Enthaltsamkeit in irgendeiner Richtung oder schwenke das Banner der Verbannung jedweden Konsums.

Wenn es dir aber ernst damit ist, schöpferisch und kreativ dein Leben gestalten zu wollen, dann darfst du schauen, wie es um die Balance bestellt ist.

Und wenn du dich fragst, wie du deine Kreativität fördern oder die Verstopfung deines Kreativitätskanals auflösen kannst, dann kann ich dir aus meiner eigenen Erfahrung als Schreibende zwei Komponenten empfehlen, die die Fließbewegung „von innen nach außen“ immer wieder balancieren können: Kreatives Schreiben und Achtsamkeit.

„KREATIVES SCHREIBEN“ ist ein wissenschaftlich fundiertes Instrument zur Entfaltung einer individuellen Kraft, die jede/r von uns beherbergt und die uns zu Architekten des eigenen Lebens machen kann. Diese Energie heißt: Kreativität.“ (Renate Haußmann)

„Zwei Fähigkeiten sind zur Kreativität notwendig: Offenheit für neue Ideen, ohne sich von alten einschränken zu lassen und die Fähigkeit, neue Gedanken auftauchen zu lassen, sie zu ergreifen, sie zu prüfen und sie dann wieder loslassen zu können. Genau das bedeutet ACHTSAMKEIT: Offenheit, Raum für Neues, nichts festhalten müssen und wieder loslassen können.“ (Dr. Michael E. Harrer)

Wir leben in einer insgesamt kreativitätsfeindlichen Gesellschaft, in der Kunst und Ästhetik eine wesentlich kleinere Lobby haben als Wissenschaft, Technik, Wettbewerbsfähigkeit und Bruttosozialprodukte. Das beginnt schon damit, dass seit Jahren bildungspolitische Debatten um die Frage kreisen, ob man die ästhetischen Fächer (Kunst, Musik, Sport, Handwerk etc.) nicht abschaffen sollte zugunsten der MINT-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik.)

Jaaaaa, ist ja ganz nett, das mit der Musik und der Kunst und der Literatur und so, aber über die wissenschaftlich erforschten Transfereffekte hinaus („Mozart hören macht schau“) braucht das kein Mensch. 

Mediennutzung müssen die Kinder lernen. Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. 

Am besten ab Klasse 1. 

Nein, obwohl: Eigentlich sollte man die wertvolle Zeit der frühkindlichen Bildung (früher hieß das: Kindergartenzeit) nicht ungenutzt verstreichen lassen. Die eine oder andere binomische Formel will schon mal gelernt sein, den ein oder anderen mathematischen Beweis kann man ja schon mal führen, das verschafft einen enormen Wettbewerbsvorteil.

Wann? Mit 6?

In meiner Welt haben ästhetische Erfahrungen einen Wert. Punkt. 

Einfach so. 

Ohne Transfereffekte im Sinne von: Mach Musik, dann entwickeln sich bestimmte Areale im Gehirn.

Oder: Du solltest viel lesen, das schult deine Sprachkompetenz, erweitert deinen Wortschatz und – wie sollte es anders sein – wirkt sich auch positiv auf dein Gehirn aus.

Das ist alles richtig, aber aus meiner Sicht wird der Wert ästhetischer Bildung durch diese gut erforschten Transfereffekte nur GESTEIGERT, es ist nicht der Wert an sich.

  • Wusstest du, dass Menschen, die zu wenige ästhetische Erfahrungen machen, oft angstbetonte Leben im Radius ihrer Komfortzone führen?
  • Ästhetische Erfahrungen sind sinnliche Erfahrungen, sie „passieren“ nicht nur im rezeptiven Umgang mit vorhandenen Objekten (Kunst, Musik, Literatur, aber auch andere materielle und immaterielle Anlässe für Erfahrungen), sondern auch im produktiven Umgang, also dort wo etwas ästhetisch gestaltet wird.

Man könnte auch sagen: Es braucht den handelnden Umgang mit Phänomenen der Welt in ästhetischer Gestimmtheit.

Firlefanz? 

Einen Moment.

  • Wusstest du, dass ästhetische Erfahrungen als Schlüsselerfahrungen fungieren, nicht nur auf der Entdeckungsreise zur eigenen Kreativität, sondern auch für Biographisierungsprozesse, also dem Versuch eines Menschen, seiner Lebensgeschichte einen als sinnvoll erlebten Rahmen zu geben?
  • Wusstest du, dass bei Menschen, die ihr kreatives Potenzial nicht nutzen, die Fähigkeit zur offensiven Problembewältigung abnimmt? (Das heißt, im schlimmsten Fall bist du beim kleinsten Hindernis, vor das das Leben dich stellt, völlig überfordert und stehst wie ein Schaf vorm Zaun, das nicht bemerkt, dass einen Meter weiter das Gatter offen ist.)

Eine einseitige Überbetonungen der wissenschaftlich-technischen Kompetenzen bei Vernachlässigung der Förderung ästhetischer Bildung führt nicht nur auf individueller, sondern auch auf kollektiver Ebene zu einer seelisch-geistigen Verarmung.

Im Januar hat der Gründer und CEO von Salesforce auf dem Wirtschaftsforum in Davos konstatiert:

“Capitalism as we have known it is dead” Marc Benioff

Wer weiß? Wenn Benioffs These zutrifft, vielleicht entsteht dann der Nährboden, auf dem eine Verschiebung der basalen gesellschaftlichen Werte möglich ist: von Konsum zu Kreativität.

 

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