Unsere Kommunikation ist einem ständigen Wandel unterworfen, ebenso wie die Sprache an sich. Ich finde es beachtlich, wie sehr unsere Alltagskommunikation geprägt ist von Verknappung, Effizienz und Komprimierung. LOL, ROFL, HDGDL, btw, OMG, asap und Co. haben längst einen sprachlichen Code erstarken lassen, der zeit-effizient, platzsparend und längst nicht mehr einer Jugendkultur vorbehalten ist, auf die die Altvorderen mit dem Finger zeigen und sich selbst eines umfassenden sprachlichen Ausdrucksvermögens rühmen könnten.

Tatsächlich ist es mittlerweile gang und gäbe, auch in nicht-persönlichen Schreiben in einen fast kryptisch anmutenden Stil sprachlicher Knappheit zu verfallen. 

Ich weiß noch, dass ich bass erstaunt war, als mir mein Professor auf eine Mail prüfungsrelevanten Inhalts lakonisch und ohne Anrede antwortete, und sein knappes Schreiben endete mit: MfG. FL.

Oft heißt es, wenn jemand sprachlich ausfließt oder die Aufmerksamkeitsspanne von der Länge eines Handydisplayinhalts  überschritten hat:

Mach’s nicht so episch.

Und ich möchte dir gerne zurufen: Doch! Mach’s mal wieder ab und zu episch.

Und ich will dir auch sagen, warum. 

 

Der Zusammenhang von Sprache und Denken

Was würdest du sagen? Können wir denken ohne Sprache? Bedingt Sprache das Denken oder andersherum? Es ist ein bisschen wie die Frage nach der Henne und dem Ei: Was war zuerst da?

In dem spannenden Konzept der „sprachlichen Relativität“ werden genau diese Fragen diskutiert.  

Every thought you think and every word you say forms a blueprint, and your mind has to work to make this blueprint real.

Marisa Peer

Therapeutin, Motivationscoach

Nur mal zwei Beispiele für den engen Zusammenhang von Sprache und Denken:

  • Hopi-Indianer, die kein Wort für die Farbe „orange“ haben, können diese Farbe auch nicht sehen.
  • Eskimos haben für das Phänomen Schnee 50 verschiedene Worte, die die unterschiedliche Konsistenz, Dichte, Färbung des Schnees abbilden. Für uns hat Schnee in dieser differenzierten Weise keine Bedeutung. Wir haben dafür keine Worte, unser Wortschatz bildet das nicht ab. Gibt es also für die Eskimos anderen Schnee als für uns? Für die Hopi-Indianer andere Farben als für uns?

Fakt ist: Mittels Sprache machen wir uns die Welt verfügbar. Sprache determiniert unser Denken.

Kehren wir jetzt noch einmal zum Anfang zurück, zu LOL-ROFL und Konsorten.

Wenn wir – diese Utopie mal zu Ende gedacht –  ausschließlich so schreiben, dann determiniert diese Verknappung und Komprimierung auch unser Denken.

Und dann sitzen wir plötzlich vor einem weißen Blatt und wollen eine Geburtstagskarte für unseren Neffen schreiben und im Kopf herrscht gähnende Leere, und wir bringen nur ein paar Floskeln zustande, weit entfernt davon, eine emotionale Verbindung mittels unserer Worte herzustellen. 

Und die Emotionen?

Schauen wir mal auf das emotionale Ausdrucksvermögen: 

In den Social Media Kanälen werden wir – mal etwas überspitzt dargestellt – konditionert auf Schubladendenken und -fühlen. Daumen hoch, Daumen runter, Herz, Wow.   

Und was ist mit den ganzen Zwischentönen und Schattierungen? 

Emotionen sind komplex. Und wir können nur denken, wofür wir einen Begriff haben. Und unsere Gedanken Formen unsere Worte. Sie werden zu den Geschichten, die du dir über dich selbst und die Welt erzählst, und sie sind machtvoll. Einige davon sind dann die weltberühmten „einschränkenden Glaubenssätze“, Gedankenbündel, die darüber entscheiden, wie du dich zur Welt verhältst.

Wir halten also fest: Es besteht ein subtiler, aber wirkmächtiger Zusammenhang zwischen Denken, Sprache, Fühlen und Gestalten in der Welt.

Wenn du deinen Geist also immer nur mit Daumen-hoch-Daumen-runter-Kategorien fütterst, dann lebst du eben auch in einer Daumen-hoch-Daumen-runter-Welt und erlebst Daumen-hoch-Daumen-runter-Dinge.

Schreiben als Brücke zwischen Gedanken und Welt

Das Schreiben kann als Mittler fungieren zwischen Gedanken und Welt, und es kann helfen, verkrustete Denkmuster aufzulockern. Richtig angewendet können Schreibinterventionen aus dem kreativen Schreiben und der Poesietherapie Glaubenssätze identifizieren und flexibilisieren. Mann kann also sagen:

Schreiben ist Faszientraining für Bewusstseinsverklebungen.

Dorte Pflüger

Schriftstellerin und Schreibmentorin

Wie das geht? Ich teile mal ein paar Beispiele, damit du eine Vorstellung davon bekommst.

Im Grunde geht es darum, im Schreiben in andere Ausdrucksformen zu finden, sich an den eingefahrenen Denkpfaden vorbeizuschummeln und dem eigenen Denken die Erlaubnis zu geben, mal wieder lustvoll auszuschweigen. Ich möchte dir also aus tiefstem Herzen zurufen:

Mach’s mal wieder episch!

Hier einige alltagsnahe und -ferne Schreibimpulse kurz umrissen.

 

Poetischer Spaziergang

Mach einen Spaziergang, nimm etwas zu schreiben mit, und dann suche dir einen Platz, an dem du dich niederlässt. Beschreibe, wie es dort aussieht und gehe ins Detail. Der Himmel ist blau. Welche Art von Blau? Wenn du genauer hinsiehst, mischt sich da nicht eine Nuance einer anderen Farbe hinein? We ist die Stimmung in dir, wenn du den Himmel betrachtest? Nimm dir Zeit, ausführlich zu werden. 

Kommunikationsgewohnheiten lustvoll durchbrechen

Auch die schnödesten Mails können mit einer Prise Humor oder Poesie oder Wortwitz garniert werden. Es einfach mal „anders“ zu machen, weniger funktional, das lässt deine Synapsen schlackern, und erfreut das Herz des Empfängers, glaub es mir.

Mal wieder Briefe schreiben

Es ist ein riesiger Unterschied, ob du jemandem, der dir wichtig ist, eine Mail schreibst oder einen Brief. Probier es mal wieder aus. Das Schreiben mit der Hand führt zu einer unbewussten Entschleunigung, es ist, als würde das Gedankenkarrussell dadurch etwas abgebremst, und es ist zudem ein körperlich-sinnlicher Vorgang. Du kannst schreibend deine Gedanken anders beobachten und wirst automatisch einen anderen Duktus wählen.

Erlkönig to go

Diese Schreibübung habe ich in einem anderen Blog-Artikel ausführlich dargestellt, daher hier nur kurz. Die Ballade „Erlkönig“ von J. W. von Goethe beschreibt mit sehr expressiver Sprache ein Geschehen, das man kurz und knapp folgendermaßen zusammenfassen könnte: Vater reitet nachts durch den Wald mit krankem Sohn, der am Ende verstirbt. Hm, und dafür brauchte Goethe so viele Strophen? Die Übung besteht nun darin, Gedichte und Balladen zu übersetzen in andere Textformen wie Zeitungsartikel, Polizeibericht, Telegramm etc. Das schärft das Bewusstsein für den ästhetischen Gehalt von Sprache und dem Eindruck, den dieser im Seelischen hinterlässt.

Erlkönig extended

Hier geschieht nun das Gegenteil. Du nimmst dir eine Strophe aus einem Gedicht und übersetzt mal alles, was in der lyrisch.gebundenen Form enthalten ist in ausführliche Prosa. Du wirst staunen, wieviele Seiten es braucht, um alles zu notieren, was Goethe im Erlkönig zum Ausdruck brachte. Eine Variante ist, das Geschehen davor und danach zu schreiben, quasi wie bei einer Soap: Was bisher geschah. Oder: 2 Jahre später. Deiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Dies sind nur einige Beispiele. Ich hoffe, ich konnte dich etwas inspirieren und dir Lust darauf machen, deine Sprachmuster kennen zu lernen und ggf. um die eine oder andere Facette zu erweitern, 

Denn: Je differenzierter das sprachliche Ausdrucksvermögen, das du AKTIV nutzt, desto reichhaltiger deine Erfahrungen im Außen.

Ich sage nicht, dass du ab sofort ständig episch ausfließen sollst. Ich möchte dich nur einladen, die ganze Bandbreite zu erforschen und zu nutzen. Sonst ist es so, als würde ein Pianist immer nur eine Oktave der gesamten Klaviatur nutzen.

In diesem Sinne,

den Füller am Anschlag

Dorte

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