Mein Weg zum Schreiben

Hätte in unserem Haus eine für diese Zwecke geeignete Balustrade oder wenigstens ein Balkon zur Verfügung gestanden, ich wäre im Alter von 11 Jahren hinausgetreten, mit ernster Miene, gemessenen Schrittes und von wahlweise Trommelwirbel oder crescendierendem Streichertremolo begleitet, um der Welt den wichtigsten Entschluss meines Lebens zu verkünden. In Ermangelung der entsprechenden räumlichen Gegebenheiten beschränkte ich mich darauf, das elterliche Wohnzimmer im bürgerlichen Idyll unseres Familienhauses zu betreten, gemessenen Schrittes immerhin und mit einer für eine 11-Jährige ziemlich ernsten Miene.

Ja, nun sollten sie es erfahren. Schon auf dem Weg die Treppe hinunter hatte ich mir ausgemalt, wie mein Bruder jubeln, meine Mutter vor Freude weinen und mein Vater immerhin seine Zeitung sinken lassen würde.

„Wenn ich mal groß bin, dann werde ich Schriftstellerin!“

Ich stellte diesen Satz, meine innere Wahrheit, die ich gefunden zu haben glaubte, mitten in den Raum, platzierte ihn im Gleichmaß sonntäglicher Familienruhe.

Ich weiß noch, wie ich den Atem anhielt in Erwartung des nun gleich ausbrechenden frenetischen Geschehens.
Fest stand mein Entschluss, denn ich hatte mit einer Mischung aus Erstaunen, Freude und selbstverliebt-kindlichen Stolz festgestellt, dass Geschichten und Gedichte nicht nur in Büchern stehen, sondern auch direkt von irgendwo aus mir drin auf das knitterige Schulheftlinienpapier fließen können und dass dieser Vorgang, der mir wie ein Mysterium schien, von einem sehr besonderen Zustand begleitet war, den ich wieder und wieder erleben wollte.

Mein Bruder nahm meine apollinische Verkündung mit dem demonstrativen Desinteresse des zwei Jahre Älteren nur peripher zur Kenntnis. Die Lippen meiner Mutter umspielte zwar ein Lächeln, vorsichtshalber schaute sie aber erst einmal fragend meinen Vater an.
Mein Vater ließ die Zeitung sinken, aha, wusste ich es doch…

Was dann folgte, war eine Lektion über den Ernst des Lebens.
Schreiben, so lernte ich, sei eine brotlose Kunst.
So etwas sei doch kein anständiger Beruf.
Ich verstand nicht genau, was das bedeutete, der Duktus der väterlichen Ausführungen, seine gehobenen Augenbrauen und die Art, wie er das Wort „Schreiben“ artikulierte, ließen aber keinen Zweifel daran, dass es etwas zutiefst Unehrenhaftes, ja fast Liederliches sein musste.

Die Hand in meiner Rocktasche erschlaffte. Die Hand, die in vorfreudiger Aufregung ein Stück Papier fest umschlossen hielt, ein frisch aus meiner Feder geflossenes Gedicht, das ich mitgebracht hatte, für den Fall, dass von der angehenden Künstlerin eine Textprobe erbeten würde.

Während die Zeitung sich wieder hob, stieß in mir eine Welle kindlicher Begeisterung und Initiativkraft, statt lustvoll auszuschwingen, schmerzhaft an eine innere Begrenzung, die hier, in diesem Wohnzimmer, an diesem Sonntagnachmittag in meinem Innersten gezogen wurde.
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Manche Glaubenssätze warten jahrzehntelang geduldig darauf, liebevoll transformiert zu werden. Mir ist es gelungen, mich von den seit Generationen durch mein Familiensystem wabernden kunst- und kreativitätskritischen Überzeugungen zu lösen und ernst zu machen mit dem Entschluss, den ich als 11-Jährige fasste.

Es hat Jahrzehnte gedauert.
Jahrzehnte, in denen ich immer mal wieder heimlich diesen Traum vom Schreiben aus der Schublade holte, ihn entstaubte, hin und her wandte und für genau das befand: einen Traum.
Und das Wesen eines Traumes, so schien mir viele Jahre, war es doch wohl NICHT Realität zu sein.

Die Poetin in mir ließ nicht locker.
Das Schreiben blieb und mit ihm eine unbestimmt-diffuse Sehnsucht.
Ein „was wäre, wenn…?“. Ein „und was, wenn doch…?“

Heute ist Schreiben mein Beruf, ein fester Bestandteil meines Lebens.

Und ich unterstütze Menschen, die dem Schreiben einen guten Platz in ihrem Leben geben wollen, dabei, diesen Weg unter ihren Füßen entstehen zu lassen.

Vielleicht muss es bei dir nicht Jahrzehnte dauern.
Ich kenne jetzt viele Abkürzungen.

Wir können nichts über das Leben wissen, es sei denn, wir erzählen Geschichten.

Hannah Arendt  

 

 

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