Das Schreiben ist so vielfältig und facettenreich wie das Leben selbst. Im Grunde entzieht es sich einer trennscharfen Einteilung in DIE Schattierungen des Schreibens, in DIE unhinterfragbaren, allgemeingültigen Kategorien. Gleichwohl befleißigt sich eine immer komplexer und ausdifferenzierter arbeitende Schreibforschung der detaillierten Untersuchung verschiedener Schreibansätze hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Schreibenden. 

Ich möchte hier etwas vereinfacht einige Aspekte von Schreiben vorstellen, soweit es uns für den Kontext dienlich ist, um das weite Feld ein klein wenig zu strukturieren und einige Orientierunglinien einzuziehen. Betrachten wir also:   

  • Kreatives Schreiben
  • Biographisches Schreiben
  • Schreiben als Weg zur Selbstentfaltung
  • Storytelling 

Die Übergänge sind zum Teil in der Praxis fließend. Nach meinem Dafürhalten ist alles Schreiben ein kreativer Akt, alles Schreiben, auch das kreative oder sogar das literarische, ist im Grund IMMER auch biographisches Schreiben, und der Schreibende ist per se im Prozess der Selbstentfaltung. Im Grunde ist es für DICH von Bedeutung, wo du hinwillst mit dem Schreiben. Was ist dein Ziel? Wozu schreiben? Und welche „Methodik“ ist für dieses Ziel angebracht? Wenn du darüber im Unklaren bist, dann helfe ich dir gerne dabei, deinen Schreibweg klarer zu konturieren. Nun aber zu den Kategorien:  

Kreatives Schreiben   

Das kreative Schreiben, das lässt der Name schon vermuten, möchte Kreativität freisetzen. Im Kreativen Schreiben wird davon ausgegangen, dass Schreiben ein kreativ-sprachlicher Prozess ist, zu dem jeder Mensch methodisch angeleitet werden kann. Als „pädagogischer Ansatz zur Selbsterweiterung im Spiel mit diversen literarischen Formen“ (Rechenberg-Winter/Haußmann 2015) lädt das kreative Schreiben zu Schreibprozessen ein, die Freude am Spiel mit den Worten und Formen wecken und so Zugänge zum kreativen Potenzial ermöglichen. Damit ist der Ansatz des kreativen Schreibens umfangreicher als die Übersetzung des „Creative Writing“, das in den USA als literarische Schriftstellerausbildung oder an Schulen und Universitäten gelehrt wird. Die positiven Auswirkungen des kreativen Schreibens sind durch eine Vielzahl internationaler Studien wissenschaftlich belegt. In zahlreichen Untersuchungen konnten positive Effekte des Schreibens auf die körperliche und psychische Gesundheit sowie spezifische psychosoziale Parameter als Wirkfaktoren des Schreibens nachgewiesen werden. So nimmt es nicht Wunder, dass das kreative Schreiben auch in therapeutischen Kontexten Anwendung findet im Rahmen der so genannten Poesie- und Bibliotherapie. 

Fortlaufend entwickeln sich neue Formen kreativen Schreibens, auf die hier der Übersichtlichkeit halber nicht eingegangen werden kann.  

Es gibt unzählige Veröffentlichungen zum kreativen Schreiben und jede Menge Handreichungen mit Sammlungen von Übungen und Schreibvorschlägen. Ich liebe es aber auch sehr, selbst Übungen zu entwerfen und zu schauen, wohin mich mein Schreiben führen will.

Auch für meine Arbeit als Schriftstellerin nutze ich verschiedene Elemente des kreativen Schreibens. Für mich als leidenschaftliche Pianistin ist das vergleichbar mit Etüden, mit Fingerübungen, die mich warmmachen, die mich vorbereiten und die den Kanal, den es braucht, um Worte zu empfangen, offen halten. Es macht riesig Spaß, und wenn du in Erwägung ziehst, mal ein Seminar von mir zu besuchen, dann kannst du dich freuen auf vielfältige und abwechslungsreiche Schreibübungen, die deinen inneren Poeten wachkitzeln und dich schreibend in Fahrt bringen werden.

Biographisches Schreiben 

Im biographischen Schreiben widmet sich der schreibende in irgendeiner Form seiner eigenen Lebensgeschichte. Das Wort „Biographie“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich übersetzt „das Leben schreiben“ (Bios = Leben, graphein = schreiben). 

Die Arbeit mit und an der eigenen Biografie bietet die Möglichkeit, den Wirkkräften im Leben auf den Grund zu gehen, den roten Faden zu entdecken, Weichenstellungen zu prüfen, Muster und Motive zu finden.  (…)

Der Mensch ist mehr als die Summe der Ereignisse, die ihm widerfahren: Richtig verstandene Biografiearbeit ist immer auch eine kreative Reise zu unserem Selbst. So sind wir nicht länger Opfer unserer Geschichte, wir werden vielmehr deren Co-Autor, wir werden Schöpfer der Geschichte, ein befreiender, sinngebender Vorgang.

Liane Dirks

Autorin und Expertin für biographisches Schreiben

Biographisches Schreiben kann ganz unterschiedliche Ausprägungen finden. Der eine will Erinnerungen für seine Kinder aufschreiben, damit diese Geschichten, die das Leben schrieb, nicht verloren gehen. Der andere macht sich auf den ungemein interessanten Weg, das eigene Leben als Geschichte aufzuschreiben (und dabei ist es völlig unerheblich, wie alt man ist). Manchmal hilft biographisches Schreiben punktuell, um Gesetzmäßigkeiten aufzudecken, rote Fäden zu finden und Kapitel zu benennen, damit man sich im eigenen Leben wieder besser zurecht findet. Denn es gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen, die eigene Lebensgeschichte als konsistent zu erleben.

Ich habe vor vielen Jahren einmal mehrere Monate mit einer wunderbaren Biographie-Beraterin gearbeitet und meine eigene Lebensgeschichte erforscht, durchfühlt und geschrieben. Das gehört zu den mit Abstand intensivsten Erfahrungen meines Lebens.

Ich verwende daher in meiner Arbeit sehr gerne Schreibimpulse aus dem biographischen Schreiben. So oft erlebe ich, dass Menschen sich sehr weit von sich selbst entfernt haben. Es kann unglaublich heilsam sein, sich der eigenen Lebensgeschichte forschend, mit Interesse und Zeit zuzuwenden.  

Schreiben als Weg zur Selbstentfaltung

Das Schreiben funktional einzusetzen für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, erlebt – vor allem im englischsprachigen Raum – gerade Hochkonjunktur und schwappt mit einer Flut von Journaling-Kalendern und Success-Tracking-Journals und dergleichen mehr in unsere Buchhandlungen und in unsere Realität. Schreibe, um Erfolg zu haben. Schreibe, um dich zu organisieren. Schreibe, um dich dankbar zu fühlen. Dieses „um zu“ darf indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass Schreiben nicht zur reinen Selbstoptimierungsstrategie taugt. 

Aus meiner eigenen Praxis und meiner Lebenserfahrung kann ich aber bezeugen, dass das regelmäßige Schreiben einen immensen Beitrag dazu leistet, sich (wieder) in sich selbst zu beheimaten und Zugang zu finden zu der eigenen inneren Stimme, seiner Intuition, einer Art „inner guidance“, wenn man so will. In diesem Sinne liebe ich das Schreiben als einen Modus der Selbstbegegnung und der zarten Kontaktaufnahme mit all dem impliziten Wissen, das in uns selbst schlummert. Diesen Aspekt des selbstreflexiven Schreibens integriere ich gerne in meine Seminare und Einzelberatungen.

Storytelling

Storytelling ist: na, was schon? Das Erzählen von Geschichten. So weit, so gut. Geschichten werden schon seit ewigen Zeiten erzählt. An den Lagerfeuern unserer Vorfahren,  von den Barden im Mittelalter, die mit ihren Geschichten von Hof zu Hof zogen, von Müttern zum Beruhigen und Erziehen ihrer Kinder… Auch heute dienen Geschichten zur Unterhaltung, zur Sinnstiftung, zum Erzeugen von Gemeinschaft.

Es werden nicht nur Informationen vermittelt, sondern auch: Emotionen. Gute Geschichten begeistern, fesseln und reißen mit. Sie bringen im Hörer oder Leser etwas zum Schwingen.

Geschichten stehen am Ursprung unserer Kultur. Sie enthalten Werte und Normen in dramatisierter, lebendiger Form. Sie können geteilt, erinnert und weiterentwickelt werden. Wer abseits von kleinteiligen Tagesgesprächen eine Kultur prägen möchte, braucht Geschichten.

Thomas Pyczak

Autor von Romanen und Sachbüchern

Neue Erkenntnisse aus Psychologie und Neurowissenschaften über die Wirkmechanismen des Geschichtenerzählens haben ein steigendes Interesse am auch strategischen Einsatz dieser „Methode“ erstarken lassen. Dass Storytelling ein kraftvolles Instrument nicht nur für soziale, sondern auch geschäftliche und Marketingkontexte darstellt, gehört mittlerweile zu den Allgemeinplätzen der Schreibforschung. So findet es mittlerweile Einsatz beim so genannten „Brand Design“, wenn es darum geht, eine Marken-Identität zu kreieren, beim Selbstmarketing zur Schärfung persönlicher Profile oder in Produktpräsentationen.

Und alle die anderen

Wie schon erwähnt, bilden sich ständig neue Schreibformen heraus. Freewriting, intuitives Schreiben, achtsames Schreiben, Schreiben auf Reisen, Schreiben im Museum, Schreiben im Gehen (kein Scherz!), Schreibnächte, Story-Teller, kollektives Schreiben….

Es ist interessant zu beobachten: Es wird geschrieben und geschrieben in einer Zeit, in der Kommunikation aufgrund der Mediatisierung der Welt großen paradigmatischen Veränderungen unterworfen ist und man manchmal beim Blick in sein Mail-Postfach oder dem Lesen von Nachrichten auf dem Smartphone geneigt ist, einer Theorie der kollektiven sprachlichen Degenration das Wort zu reden.

Der Motor aller Schreibender ist das genuin menschliche Bedürfnis nach Selbstausdruck, nach Kommunikation, nach Konsistenz der Geschichten. Und der Wunsch „gehört“ zu werden.

In diesem Sinne schafft Schreiben Verbindung und erzeugt Tiefe. Wenn man dann noch die Rezipienten der Schreiberzeugnisse mitdenkt und sich klar macht, dass Texte tiefe Emotionen und sogar körperliche Reaktionen hervorrufen können, dann erkennt man staunend die universellen Gesetze von Frequenz und Resonanz im Kontext von Schreiben.

Zwischen Schreibendem, Geschriebenen und Lesendem/Hörenden besteht ein geheimnisvolles Resonanzverhältnis, und ich glaube manchmal in meinem eigenen Schreiben oder in meinen Schreibseminaren, dieses besonderen Zaubers gewahr zu werden. 

„…und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.“

 

Pin It on Pinterest