So klappt die Familienorganisation! Finde den wahren Grund für dein Stressgefühl
By dortepflue

Es gab mal eine Werbung – kennt bestimmt keiner mehr – und ich weiß auch gar nicht mehr, wofür da eigentlich geworben wurde, aber dort wurde eine Frau gefragt, was sie denn so mache im Leben.
Sie dachte kurz nach, natürlich sanft lächelnd, viele Bilder aus ihrem Familienleben wurden dabei eingeblendet und dann sagte sie: „Ich leite ein kleines Familienunternehmen.“

Ich weiß noch, dass ich dachte: „Stimmt eigentlich – wieso sehe ich das eigentlich nicht so, sondern teile das gedanklich immer ein in ‚Arbeit‘ und ‚Familie‘ und wende bei der Organisation meiner Arbeit andere Methoden an als bei der Familienorganisation?“

Vielleicht hast du dich schon gefragt, warum genau du dich oft überlastet fühlst?
Vielleicht bekommst du punktuell Unterstützung von Familienmitgliedern oder von außen und trotzdem bleibst du irgendwie der zentrale Punkt, um den sich alles dreht?

Jede Frage, jede Entscheidung und die ganze Organisation laufen immer über dich? Fühlt sich dein Leben manchmal an wie ein endloser Kreisel aus „ich brauche ein sauberes T-Shirt“, „was gibt es zu essen?“, „haben wir noch Hefte?“, „ich suche die Badehose“, „darf ich noch mal kurz raus?“, „der ärgert mich schon wieder“, „ich brauche einen Kuchen für das Schulfest“, „mein Ohr tut so weh“, „was schenken wir der Lehrerin“?

Und – besonders erschreckend – du weißt auch immer die Antwort?

Falls ja, bist du damit nicht allein. Heißt neudeutsch „Mental Load“ und ist ein Riesenthema für sehr viele Familien, doch dazu kommen wir gleich.

These: Du siehst wahrscheinlich nur einen Teil des Problems 

Ich arbeite ja als Kinderpsychologin mit vielen Familien und sehe oft folgendes Muster: Stark überlastete Mutter kümmert sich um alle Belange der Familie – und hegt einen heimlichen oder nicht so heimlichen Groll gegen ihren Partner. Sie fühlt sich nicht gut unterstützt und oft gestresst, fragt sich, woran das liegt, schaut sich in ihrem Leben um und kommt sehr häufig zu dem Schluss, dass es am Partner liegt. Sie fühlt sich im Stich gelassen, irgendwie ausgetrickst und fragt sich, wann das mit der Gleichberechtigung jetzt mal anfängt?

Diese Lösung ist erstens keine so gute Voraussetzung für eine glückliche Partnerschaft und hat zweitens kaum Potenzial für Entlastung für dich.

(Und falls das bei euch umgekehrt ist: deine Frau mehr arbeitet und du dich als Mann so fühlst und das hier liest, bitte das Ganze einfach umdrehen. Dann bist du ausdrücklich auch gemeint! Es gibt einfach häufig einen Haupt-Familien-Verantwortlichen. Und da das in den meisten Fällen zurzeit noch die Mutter ist und ich selbst Mutter bin, rede ich hier aus dieser Perspektive.)

Mir persönlich ist die Lösung „der-Partner-ist-schuld“ erstens zu einfach und zweitens nicht zielführend.

Ich will Entlastung und stelle fest: geht nicht, weil er ja nichts macht.

Damit habe ich meine Lebensführung abgegeben und bin hilflos, Ladies.

Das ist kein Zustand, der mich zu einer kraftvollen Änderung meiner Situation führen kann.

Ich kann nie entscheiden, was jemand anders tut, aber ich kann immer entscheiden, was ich tue.

Schritt 1: Verstehen, wie gute Familienorganisation klappen kann

Da fragen wir doch mal kurz die Wissenschaft: Was ist denn die jetzt so moderne „Mental Load“? Der Begriff kommt aus der Cognitive Load Theory und macht sehr schön deutlich, dass unser gefühlter Stress eben nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich vorhanden ist.

In der Cognitive Load Theory wird es in drei Bereiche eingeteilt: Paid Work, Care Work und Mental Load. Nur die Paid Work ist gut sichtbar und wird darum auch gepaid und gewertschätzt.

Für die anderen beiden Bereiche gibt es eben oft einen Menschen, ob jetzt Mann oder Frau, der zunächst unbemerkt von sich selbst und dem Rest der Familie die Care Work und die Mental Load übernimmt. Das ist sehr subtil, für andere schwer zu verstehen und für denjenigen, der sie übernimmt, kann es sehr belastend sein.

Der Kopf kommt nie zur Ruhe, man schreibt endlose innere und äußere To-Do-Listen. Man kann oft nur sehr schwer abschalten, weil es eben für Mental Load keinen offensichtlichen Feierabend gibt.

Es sei denn, man weiß das und organisiert es für sich.

Das ist die echte Lösung für dich

Eve Rodsky ist mit ihrem Buch „Fair Play“ gerade auf der New- York-Times-Bestsellerliste. Sie beschreibt sehr schön die „unsichtbare Arbeit“ und sagt, man müsste als ersten Schritt sein Zuhause wie eine wichtige Organisation betrachten. Behandele es wie ein Problem am Arbeitsplatz.

Wir nehmen mal das Beispiel Einkaufen:
Im Organisationsmanagement gibt es:
1. Bereich Konzeption: Jemand muss wissen, was überhaupt gebraucht wird.
2. Bereich Planung: Ist das Gebrauchte da und falls nicht, wie kommt es ins Haus?
3. Bereich Ausführung: Jemand muss in den Laden gehen und das Zeug kaufen.

Hier liegt das eigentliche Problem: Du lässt den Rest deiner Familie oft erst im Bereich der Ausführung einsteigen, wetten? Und das bringt dir nicht die gewünschte Entlastung.

Also musst du für gute Familienorganisation komplette Bereiche abgeben.

Bereiche wie „Wäsche“ (wieviel Socken werden pro Woche gebraucht, wo treiben die sich gerade rum, wer wäscht sie, wer trocknet sie, wer spielt das Socken-Puzzle und führt sie zusammen, wie landen sie wieder sauber im Schrank?)
oder „Müll“ (wann muss der Müll raus, wer merkt sich das, wer stellt die Tonne vors Haus, wer geht vorher nochmal durchs Haus und schaut was noch weg kann, wer holt sie wieder rein?)

Ändere deine Denkweise, suche nach ganzen Bereichen.

Schritt 2: Selbsterkenntnis – was hast du zu der Situation beigetragen?

Ich höre schon Gegenargumente wie: „Claudia, das will ich ja, gerne, aber es kann oder macht einfach keiner. Ich lande immer wieder dabei, dass es schneller geht, wenn ich es selbst mache“.

Großer Managementfehler für dein Unternehmen „Familie“. Es braucht eben für jeden Job eine Einarbeitungszeit. In dieser Zeit ist es oft mehr Arbeit, gerade wenn du an die Kinder delegierst, aber auf Dauer rentiert es sich auf allen Ebenen.

Deine Kinder lernen dabei Dinge wie Kooperation, Teamarbeit, Selbstmanagement, Zeitmanagement und Empathie. Es bringt nichts, über diese Werte zu sprechen, leider musst du sie vorleben und Aufgabenteilung ist ein wunderbar praktischer Weg, der dir auch noch Erleichterung bringt.

Wie du Kinder dazu motivierst, ihre Aufgaben auch zu erledigen, wird Thema eines anderen Blogeintrags werden.

Wann hat es angefangen mit der Mental Load?

Ich würde gerne noch einmal tiefer gehen und in die erste Zeit schauen, als deine Kinder noch Babys waren. Ich arbeite ja mit Baby-Eltern und oft geschieht es schon an diesem Punkt, dass die Mama den Hauptteil übernimmt und den Papa unbewusst wie eine Art Teilzeit-Angestellten behandelt, der weniger Ahnung hat und der es irgendwie nicht so perfekt hinbekommt wie sie. Wir geben den Männern oft da schon ein „Teilzeit-Depp- Gefühl“ und wundern uns später, dass sie weniger übernehmen.

Wie gesagt, das passiert meistens unbewusst. Also spul jetzt mal im Kopf zurück und sei gaaanz ehrlich mit dir. Wer hat die Klamotten gekauft, wer die Entscheidungen getroffen, wer den Rhythmus des Tages festgelegt, wer sich schlaugelesen und mit anderen Mamas geredet?

Ich sage Babyeltern häufig, dass es jetzt sehr wichtig ist, dass Papa seine eigenen Erfahrungen mit dem Kind macht, so gut wie möglich eingearbeitet wird und trotzdem seinen ganz eigenen Weg mit dem Kind finden kann. Der ist ganz anders als Mamas Weg. Meistens: weniger Ordnung, mehr Spaß. Muss nicht sein, ist aber oft so.

Darum, wenn du nach Hause kommst und zum Beispiel dein von Papa frisch umgezogenes Kleinkind vorfindest – und es krümmt sich in einem sehr kleinen seltsamen Body, der sich dann als Body der Puppe herausstellt, – dann kann das auch einfach lustig sein. Meistens kennt Papa die Kinderklamotten nicht so gut wie du, woher auch?

Schau dann einfach in das Gesicht deines Kindes. Meistens sieht es zufrieden aus und hatte eine entspannte Zeit mit Papa. Und das sollte uns wichtig sein.

Kannst du deinen Perfektionismus loslassen? Zumindest ein Stückchen? Such dir Bereiche aus, in denen dir Perfektion nicht so wichtig ist und versuche es da.

Ein privates Geständnis

Mein Übungsfeld im Loslassen ist gerade die Wäsche. Ich lebe ja mit einem vielbeschäftigten Ehemann und zwei jugendlichen Jungs. Jahrelang habe ich versucht, alle zum Wäschezusammenlegen zu animieren oder es selbst gemacht und jetzt hatten wir ein klärendes Familiengespräch.

Ich musste feststellen: Niemand außer mir interessiert sich für zusammengelegte Wäsche.

Miau! All die Jahre Arbeit.

Ich habe mir also noch einmal von allen meinen Männern versichern lassen, dass sie wissen, dass man Wäsche zusammenlegen kann, dass es schöner aussieht, man Sachen leichter findet und weniger bügeln muss und sie wissen das alles. Interessiert sie aber nicht.

Jetzt macht jeder seine Wäsche selbst. Die saubere Wäsche wird irgendwie in die verschiedenen Abteilungen der Schränke gestopft. Das morgendliche Suchen stört sie nicht.

In meinem eigenen Schrank ist fast alles ordentlich und bei meinem Mann sind Hemden und Anzüge sehr ordentlich und der Rest ist Glücksache.

Und nur noch sehr enge Vertraute dürfen die Schränke öffnen.

Das erfordert eine Menge, Menge, Menge persönlicher Loslass-Arbeit.

Vor allem mein schöner, wunderbar gepflegter Perfektionismus: Der jammert ganz schön und windet sich, aber da muss er durch.
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Ich will mehr Freiheit für mich und da muss er klein beigeben.

Und falls du noch tiefer gehen möchtest:

Was hast du von zu Hause mitgebracht an Rollenmodellen? Wie haben deine Eltern ihre Aufgaben aufgeteilt? Wie war es in der Familie deines Mannes? Du weißt ja, im Automatik-Modus übernimmt man erst einmal die erlernten Modelle. Mach sie dir bewusst, schau sie dir an und überlege, was du anders machen möchtest in deiner Familie.

Auch und gerade für das Thema Entlastung sind die Themen Selbstfürsorge und Selbstliebe zentral. Falls du dich dafür interessierst, lies gerne unseren Blogartikel zum Thema.

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Schritt 3: Finde praktische Lösungen

Beginne damit, alle Aufgaben der Familie aufzuschreiben. Was tut jeder so in seinem Leben? Fange allein an und lasse alle anderen ergänzen. Das ist schon eine sehr erhellende Angelegenheit!

Ehrlich gesagt waren vor allem die Aufgaben meines Mannes auf dieser Liste für mich sehr erleuchtend. Ich hatte es mir schon so gemütlich gemacht in meinem „Ich-hab-am-aller-aller-allermeisten-zu-tun-Gefühl“, sodass ich seine Aufgaben etwas aus dem Blick verloren hatte. Ist auch gut möglich, dass ich mich nie so richtig damit beschäftigt hatte.

Also weiter im Punkt Selbsterkenntnis – ich habe mich noch nie um die Termine für den TÜV gekümmert. Und das Scheibenwischer-Wasser-Nicht-Gefrier-Dings, kann man das überhaupt kaufen und wenn ja wo? Fahrräder reparieren. Durch Recherche den besten Rasenmäher finden. Und, ach ja, ganz vergessen, er kümmert sich um alle Versicherungen. Wenn das Internet ausfällt, treffen sich alle sehr, sehr schnell im Wohnzimmer und er muss es lösen.

Hm. Es könnte sein, dass auch er seine Mental Load trägt.

Und dass es eine so andere Load ist als meine, dass wir beide es bei dem Anderen gar nicht wahrnehmen und wertschätzen.

Familiengespräch

Zuerst werden die zu erledigenden Aufgaben auf der Liste allen vorgestellt. Je nach Alter der Kinder kann man dann gemeinsam überlegen, wer für die Aufgabe am besten geeignet ist und erklären, dass nicht jeder alles machen kann.

Geld verdienen? Sollten Papa und Mama, das versteht man auch im Grundschulalter.
Müll rausbringen, Wäsche und Putzen ist hingegen verfügbar, natürlich an Alter und Fähigkeit angepasst.

Allen wird erklärt, was für die einzelnen Aufgaben notwendig ist und vielleicht gibt es Freiwillige? Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass einige Aufgaben, die für mich echt nervig sind, meinen großen Sohn gar nicht stören. Also werden sie an ihn delegiert.

Deine Kinder können meistens mehr mitarbeiten, als du denkst, vor allem, wenn du gleichzeitig an deinem Perfektionismus arbeitest. Und denk dran, ganze Bereiche zu delegieren.

Technische Unterstützung

Lass dir nicht nur von deinen Kindern und deinem Mann helfen, sondern auch von der Technik. Bist du jemand mit Offline-Kalender in der Küche, auf dem es eine Abteilung für jeden gibt und jeder alles einträgt? Sehr schön! Pinnwände, Whiteboards, kann alles helfen. Was nicht draufsteht, wird nicht erledigt. Auch das geht schon im Grundschulalter, wenn es z. B. mit Bildern gemacht wird.

Offline klappt es allerdings in meiner Familie gar nicht, mein Mann und ich führen also schon lange einen gemeinsamen Online-Kalender, der viele Fragen erspart. Es gibt auch Apps, auf denen man alle Familientermine organisieren kann.

Und vor allem Einkauf-Apps finde ich persönlich großartig. Jeder kann von allen Punkten aus darauf zugreifen und schreibt in die App hinein, was er an Lebensmitteln eingekauft haben möchte. Was auf der Liste nicht erscheint, wird nicht gekauft und vor allem nicht von mir bedacht. Schult die Selbstverantwortung sehr gut, ist aber eher für Kinder nach dem Grundschulalter geeignet. Der Einkaufsverantwortliche des Tages – auch das kann festgelegt werden – kauft es ein und fertig. Einige Apps erinnern dich sogar, wenn du in der Nähe eines Ladens bist, der das Benötigte hat. Die App „Einkaufszettel“ macht das übrigens sogar, ohne deine Daten zu sammeln, da kannst du dich bei Interesse ja mal schlau machen.

Wir interessieren uns sehr dafür, wie du deinen Alltag organisierst.

Was machst du, um mehr Platz für dich selbst zu schaffen?

Hast du noch Tipps für andere Familien?

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